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Stardew Valley

Stellt euch vor, ihr könntet aus eurem grauen Alltag entfliehen. Den ganzen angeblichen Luxuritäten unseres modernen Alltags entsagen, die Büroarbeit, den meckernden Chef, die unzufriedenen Kollegen, ja, selbst die unpünktliche Bahn hinter euch lassen. Wenn euch diese oder ähnliche Gedanken hin und wieder durch den Kopf gehen, wird “Stardew Valley” euer Interesse wecken.

eric barone
BesorgterAffe

In dem Indie-GameHit von Eric Barone a.k.a. ConcernedApe erhält unser Alter Ego die Nachricht vom Tode des Großvaters und dessen Erbe – unsere neue Farm in Pelican Town, welches im Stardew Valley liegt. Unser Charakter lässt seinen Job bei der allanwesenden JOJA Company Ltd. liegen und wird fortan sein Glück als Farmer/Rancher versuchen.

So weit, so Harvest Moon. Tatsächlich ist die große Spielserie von Natsume (mittlerweile als “Story of Seasons” von Marvelous vertrieben) durch und durch Vorbild für Barone bei der Schöpfung seines Farming-Simulators gewesen. Doch was die altbekannte Serie, die hauptsächlich auf Nintendo-Konsolen groß wurde und mittlerweile solch häßliche Auswüchse wie “Farmville” & Co provoziert hat, scheinbar alles vergessen hat, bringt uns Stardew Valley eindrucksvoll ins Jahr 2016 zurück.

Kommen wir zurück zu unserer Farm (meiner habe ich den höchst traditionellen Namen “LonLon-Farm” gegeben) – dort angekommen werden wir erst vom Bürgermeister, welcher ein alter Freund unseres Großvaters war, und Robin, der örtlichen Schreinerin, begrüßt. Nach kurzem Smalltalk trifft uns erstmal der Schlag: Das Farmgelände ist übersät von wilden Sträuchern, knorrigen Bäumen und riesigen Felsen. So müssen wir also erstmal zu Axt, Sense und Picke greifen und etwas Platz schaffen. Denn alle Romantik in Ehren, Geld muss verdient sein! Und selbiges bekommen wir nur, wenn wir reichlich Güter in eine kleine Box neben unserem Farmhaus werfen. Von dort werden die Waren auf den Markt gekarrt und für uns verkauft. Also pflügen wir mit unserer Hacke erstmal den Boden um, kaufen uns etwas Saatgut (anfags empfehlen sich Pastinaken/Parsnips, denn die sind günstig und müssen nicht lange gedeihen), pflanzen und bewässern selbiges und warten ab bis etwas Schönes heranwächst.

Felder sind zwar schön und gut und wahrscheinlich auch das erste was man im Sinn hat, doch man kann ebenso gut im Valley und in Pelican Town umherlaufen und z.b. liegen gebliebenes Obst o.ä. aufsammeln und zu Geld machen. Dies ist besonders wichtig falls man sich beim Saatkauf mal verschätzt hat und dringend ein paar Moneten benötigt. Umherliegende Muscheln und Blumen eignen sich zudem hervorragend als Geschenke um sich bei den Dorfbewohnern einzuschleimen. Sei es um an das Sushi-Rezept des örtlichen Aussiedlers heran zu kommen oder die Dame/den Herrn der Wahl zu bezirzen.

Ja, bis hierher habt ihr alles richtig gelesen: Stardew Valley wurde von einem einzigen Menschen entwickelt. Und es ist nicht nur ein ausgesprochen gut balancierter und trotzdem komplexer Farmingsimulator, es erlaubt auch noch Interaktion in Hülle und Fülle mit den Bewohnern des Valleys. Und es gibt Quests! Und Dungeons! Und Story! Und Easter-Eggs! Und, und, und…aber dazu kommen wir ja noch!

Die Interaktion mit den Nachbarn läuft erstmal einfach – schon die erste unserer Aufgaben, die uns im Journal schön aufgegliedert gezeigt werden, weist uns an uns allen Dorfbewohnern vorzustellen. Mit jedem Dorfbewohner kann man im Normalfall zwei Mal pro Tag Smalltalk halten – dies bringt uns Sympathie, welche in Form von kleinen Herzchen im Bewohner-Steckbrief dargestellt ist. Bis zu Zehn Herzchen sind möglich, ab einer bestimmten Sympathiestufe triggern individuelle Bewohnerereignisse und Belohnungen für den Spieler. Ab der maximalen Sympathiestufe darf man den Singles im Dorf einen Heiratsantrag machen, bei Erfolg gibt es eine große Feier und wieder Belohnungen.

Meine Güte, dieses Spiel ist dermaßen befriedigend! JEDE Aktion des Spielers wird in irgendeiner Art und Weise belohnt. Seien es nützliche Sachen wie Kochrezepte und Gegenstände oder einfach nur kleine, herzergreifende Animationen. Lange habe ich kein Spiel mehr gespielt dass den Menschen vor dem Bildschirm dermaßen selten bestraft und gleichzeitig zum munteren Rumprobieren motiviert. Herrlich!

Unsere Pflichten dürfen wir natürlich trotzdem nicht vernachlässigen – jeden Tag will der Acker bestellt sein, das Vieh gefüttert und der Hof optimiert werden. Hier geht es auch um Zeiteffizienz: Ist man anfangs schon in 1-2 Spielstunden mit dem Wässern, Pflügen, Säen etc. fertig, braucht es schon ab dem 2. Quartal häufig den kompletten Vormittag. Und da man das Spiel in seiner Gänze erleben möchte muss man etwas tüfteln: Soll ich die Gießkanne verbessern um meinen Acker schneller zu bewässern? Oder doch lieber den teuren Qualitäts-Sprinkler bauen? Letzterer ist wesentlich teurer doch für ersteres muss ich die Kanne für 2 Tage zum Schmied bringen. Wie bekommen meine Pflänzchen in dieser Zeit Wasser? Und was mache ich gegen diese elendigen Krähen die mir ständig den Salat wegfressen?

Hat man sich um all diese essentiellen Kleinigkeiten gekümmert und hat etwas mehr Zeit am Tag “übrig” wird man schnell die Welt erkunden wollen. Und das Valley hat es in sich! Entweder wir schlendern gemütlich durch das toll animierte und gezeichnete Dorf, oder wir schauen mal im örtlichen Supermarkt vorbei. Vielleicht machen wir auch einen Spaziergang am Strand? Nein, wir wollen in die alte Mine im Norden! Denn dort versteckt sich das nächste Kleinod in diesem herrlichen Spiel: Ein Dungeoncrawler! Relativ zu Beginn des Spiels erhält man ein Schwert und darf sich damit bis auf Ebene 120 durchschlagen – ich stecke gerade auf Ebene 27 fest! In der Mine gibt es neben immer stärker werdenden Gegnern auch wertvolle Minerale und besondere Schätze. Um weiter zu kommen muss man im einfach aufgebauten Crafting-Menü entweder bessere Rüstungen/Waffen bauen oder erwirbt diese bei den örtlichen Händlern. Manche “Bösewichte” kann man sogar für die eigene Farm gewinnen und mit ihnen neue Waren produzieren!

Alles bei diesem kleinen, aber doch so großen Spiel greift Hand in Hand. Und wo man hin tritt findet man neue Spielelemente: Sei es die Bibliothek, für die man (auch, aber nicht nur in der Mine) Artefakte besorgen soll, oder die täglichen (!) Quests der Bewohner. Oder aber der Aufbau des abgewrackten Community Centers. Auch hier bestimmt der Spieler: Unterstütze ich die örtliche Niederlassung der JOJA Company und reisse mit etwas finanziellem Aufwand die Holzruine ab um ein Lagerhaus zu errichten? Oder erhalte ich den Geist von Pelican Town und erfülle kleine Aufgaben der friedlichen Geister welche die Ruine bewohnen und zum Beispiel die eingebrochene Brücke im Dorf reparieren?

Ihr merkt schon: Ich komme aus dem Schwärmen nicht heraus. Stardew Valley ist ein in höchstem Maße glücklich und süchtig machendes Spiel. Es fordert, aber überfordert nicht. Jeder Klick zauberte mir ein kleines Lächeln auf’s Gesicht und jede Spielminute machte mir mehr bewusst: Hier wurde ein Spiel mit Liebe gemacht.

Ich habe wirklich nichts zu kritsieren, außer den vielleicht etwas “geringen” Umfang. Stardew Valley bleibt im Herzen ein Farmingsimulator, und da sind Grenzen gesetzt. Ich würde mir noch etwas mehr Handlungsmöglichkeiten mit den Bewohnern wünschen, vielleicht auch einen kleinen Strategieteil alá “Die Gilde” um meine Farm und vorallem den Handel mit meinen Gütern weiter ausbauen zu können. Und leider gibt es das Spiel -noch- nicht für Konsolen und/oder Android/iOs. Doch Stardew Valley befindet sich nach wie vor in andauernder Entwicklung, was dies angeht besteht also sogar noch Hoffnung.

Stardew Valley ist ein absolutes Juwel in der so generisch gewordenen Gameszene, und erhält deshalb

9/10

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PS: Kaufen könnt ihr Stardew Valley übrigens hier . Jedem Neufarmer sei jedoch ein Blick in’s umfangreiche Wiki angeraten, um Anfängerfehler zu vermeiden.

 

Published inSpiel

3 Comments

  1. Ein sehr schöner Text zu einem sehr schönen Spiel!

    Stardew Valley war für mich das “Spiel des Jahres” 2016. Es entschleunigt so unglaublich. Und es konnte noch mehr: es hat nämlich – sozusagen als Halo-Effekt – Nintendo für uns wieder an erste Stelle gerückt. Die liebevoll gemachte Art und faszinierend meditative Spielwelt hat mich überzeugt als kommende stationäre Konsole zur Switch zu wechseln. Nach vielen Jahren mit eindimensionalen Shootern aka Modern Warfare und Co. wird es wieder Zeit für “schöne Spiele”, bei denen man Träumen kann und die einen in wunderbare Welten entführen.

    Danke Stardew Valley und danke Lichtspieler für Deine Review!

    • Lichtspieler Lichtspieler

      Hey, vielen lieben Dank 🙂 Für mich auch nach wie vor ein großes Spiel, warte sehnsüchtig auf die Switch-Fassung mit Multiplayer 😀

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